Wenn du diese 5 Literaturtheorien nicht kennst, bist du ein miserabler Romanleser

Welche Literaturtheorien sollte jeder Leser kennen, um vernünftig über Literatur reden zu können? Hier sind fünf Theorien, die erklären, wie ein fiktionaler Text funktioniert. Fünf Theorien, die jeder kennen sollte.

Es gibt Literaturtheorien, die jeder gewissenhafte Leser kennen muss. Sie bilden die Grundlage, um vernünftig über Literatur reden zu können.

Hier sind fünf Theorien mit jeweils einer ihrer Hauptideen, die jeder Leser kennen sollte.

Wer sie verwendet, bekommt gültige Ergebnisse aus seiner Analyse. Und kann sich damit auch über Literatur unterhalten, ohne Schwachsinn zu verzapfen.

Allen Theorien gemeinsam ist, dass sie sich nicht auf das „Was“ der Texte konzentrieren, sondern auf das „Wie“.

Los geht’s.

1. Die Eigengesetzlichkeit der Literatur

literaturtheorien - eigengesetzlichkeit

Die älteste Theorieschule in meiner Aufzählung beschäftigte sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit Fragen wie: Was macht ein literarisches Kunstwerk zu einem solchen? Was ist literarisch an der Literatur?

Weil sich die Gruppe um die Russen Viktor Šklovskij und Jurij Tynanow vor allem auf formale Merkmale der Literatur konzentrierte, wird die von ihnen begründete Theorieschule Russischer Formalismus genannt.

Zentrale Idee:

Literatur war von den Formalisten nicht so sehr durch das Medium bestimmt („Literatur, das sind doch Bücher?!“) als durch bestimmte Verfahren, die Literatur erst ausmachen.

Das wohl wichtigste Verfahren für Šklovskij war die Verfremdung: Ein Text gibt ein Objekt oder einen Sachverhalt als befremdlich wieder – auch wenn es sich um etwas Gewöhnliches handelt. Dadurch wird das Verständnis erschwert, aber die Aufmerksamkeit auf den Text erhöht und das Geschilderte intensiver wahrgenommen.

Ein Beispiel aus Till Raethers spannenden Krimi „Treibland“ zeigt, dass dieses Verfahren nicht nur bei Tolstoi und anderen Literaturgrößen zu finden ist:

Sie nahmen die dunkle Treppe hinunter zum Deck sechs, und er bewunderte aus dem Augenwinkel, was für ein seltsames Paar sie abgaben in den schummerigen Wandspiegeln: eine aufgeblasene Astronautin und ein Tiefkühlpizzabäcker auf dem Weg zur Frühschicht. (403)

Was passiert hier? Zwei Figuren befinden sich auf einem virenverseuchten Schiff in Quarantäne und tragen dementsprechend Schutzanzüge.

Die ungewöhnliche Schilderung verdeutlicht die Skurrilität dieses Auftritts und lässt dem Leser das Äußere der Figuren viel deutlicher vor die innere Leinwand treten.

Wer vom Verfahren der Verfremdung und den russischen Formalisten weiß, liest Literatur viel genauer. Die Alarmglocken gehen bei der Lektüre automatisch an, wann immer eine ungewöhnliche Metapher oder ein skurriler Vergleich kommt.

Auch Rhythmus und Klang werden an und für sich wichtig und provozieren Fragen: Auf was wird meine Aufmerksamkeit in dieser Stelle gelenkt? So führt der Formalismus zu einem tieferen Verständnis der Texte und beendet seichtes Drüberlesen.

2. Der Autor ist tot

literaturtheorien - tod des autors

Deutsch war eines der Fächer, auf die ich mich in der Schule immer gefreut habe. Aber nichts hat mich mehr genervt, als jeden Text immer und immer wieder biographisch zu lesen.

Und nichts hat mir an der Uni besser gefallen, als dort offen gesagt wurde, wie blödsinnig biographische Lesarten doch sind.

Vermutlich kennt jeder Kafkas Probleme mit seinem Vater, aber in welche Art von Käfer Gregor Samsa sich verwandelt, wissen wohl die wenigstens. Dabei ist genaue Textkenntnis doch wichtiger als genaue Kenntnis von Lebensdaten, will man einen Text verstehen, oder?

Das dachte sich auch Roland Barthes, als er den Aufsatz „Der Tod des Autors“ 1968 veröffentlichte.

Die zentrale Idee:

Barthes schrieb gegen eine Interpretationspraxis an, die Texte anhand der Absichten der jeweiligen Autoren lesen und verstehen wollte. Dass jede Intention aber immer nur zu erraten sein kann, leuchtet jedem bald ein, auch ohne Barthes komplexe Subjektivitäts- und Texttheorie, die hinter dieser Aussage steckt.

Für Barthes ist ein Text ein Gewebe aus Texten (Originalität kann es in dieser Theorie nicht geben), und die Aufgabe des Interpreten ist es, dieses Geflecht zu entschlüsseln.

Ohne allzu tief in den Poststrukturalismus einzusteigen, lässt sich aus Barthes‘ Aufsatz aber vor allem eine Lektion für’s Lesen ableiten:

Es ist nicht wichtig, ob der Autor etwas im Text beabsichtigt hat. Es ist nur wichtig, dass ich es gefunden habe und begründen kann.

Die alte (und ziemlich langweilige) Frage „Was hat sich der Autor dabei gedacht“ wird damit überflüssig, und die Interpretation und der Verstehensprozess eines Textes viel dynamischer – und damit auch interessanter für jeden Leser.

Die Lektüre wird dadurch nur bereichernder für jeden Leser, indem das Dogma der Autorintention durchbrochen ist. Eigene Gedanken und Assoziation werden aufgewertet und machen Literatur erst zu diesem freien Dialog zwischen Leser und Autor, den wir alle so schätzen.

3. Intertextualität

literaturtheorien - intertextualitätIntertextualität basiert auf dem Textbegriff von Barthes: ein Text, der aus anderen Texten besteht.

Das Theoriefeld der Intertextualität ist weit. So weit, dass wir uns erst einmal darüber verständigen müssten, was wir unter einem Text eigentlich verstehen (auch Werbung, Filme, Musik etc.?) und ob für eine intertextuelle Untersuchung nur Texte aus der Vergangenheit des untersuchten Textes zählen – oder alles?

Ich lasse den Theoriekram mal beiseite und zeige lieber, welche spannenden Entdeckungen man machen kann, wenn man Querverbindungen zwischen Texten jagt.

Zentrale Idee:

Jede Ähnlichkeit, Gemeinsamkeit, Schnittstelle etc. in Texten ist bedeutsam bzw. kann mit Bedeutung belegt werden.

Keiner zeigt das so lehrreich und unterhaltsam wie der Tiefseetaucher unter den Literaturwissenschaftlern: Michael Maar.

In seinem sehr lesenswerten Buch „Solus rex. Die schöne böse Welt des Vladimir Nabokov“ findet Maar eine Erklärung für die überall auftauchenden Eichhörnchen in Nabokovs Roman „Pnin“, die sich kein Leser richtig erklären kann.

Das Märchen vom Aschenputtel – und dessen amerikanische Entsprechung Cinderella – bringt ihn auf die Spur:

Diese Probe, den berühmten Glasschuh Cinderellas, macht Pnin zum Thema eines kleinen Privatissimus auf seiner Party. Glänzender Causeur, klärt er seine Gäste darüber auf, daß die Geschichte vom Glasschuh auf einem Mißverständnis beruhe. Ursprünglich paßt Cinderella nicht ein Schuh aus verre, wie Glas, sondern aus vair, wie Fell. Genauer gesagt Eichhörnchenfell.
Damit schließt Pnin eine Menge loser Motivenden zusammen. Seine etymologischen Ausschweifungen verbindet Aschenputtel mit der toten Mira [die Jugendliebe Pnins, die in Buchenwald ermordet wurde]. Aschenputtels Schuh ist aus Eichhörnchenfell, und ebendieses Eichhörnchen – russisch bjelotschka – trägt Mira in ihrem Nachnamen; sie heißt Bjelotschkin.“ (S. 98)

Natürlich schließt nicht Pnin diese Motivenden zusammen, sondern Maar, wenn er die explizite intertextuelle Schnittstelle bemerkt und mit dem russischen Nachnamen einer Figur kurzschließt.

Erst so ergibt sich die Interpretation, dass die Eichhörnchen Zeugen von Pnins tragischem Verlust sind – so wie Cinderella im Märchen ihre Eichhörnchenschuhe verliert.

Intertextuelle Verweise sollte man also immer nachgehen. Aber auch implizite Referenzen können in der Interpretation fruchtbar gemacht werden und sich zu erstaunlichen Ergebnissen auswachsen.

4. Narratologie

literaturtheorien - narratologieUngefähr zur selben Zeit, wie Barthes den Autor meuchelte, schrieb sein Landsmann und Kollege Gérard Genette eine lange Studie über das Erzählen und seine verschiedenen Erzählperspektiven und –möglichkeiten.

Darin erklärte Genette, wie die verschiedenen möglichen Erzählertypen funktionieren und wie Geschichten ineinander verschachtelt sein können.

Eine seiner Unterscheidungen aber ist immens wichtig für jeden Leser.

Die zentrale Idee:

Die Rede ist von der Unterscheidung von histoire und discours, die man im Deutschen mit dem „Was“ und dem „Wie“ der Erzählung wiedergeben könnte.

Die Trennung einer eigentlichen story, die in einem Roman als plot wiedergegeben wird, ist nicht unproblematisch, weil sich das Was vom Wie manchmal eben nicht trennen lässt.

Aber nur wer die Unterscheidung macht, kann Verzerrungen wie die nicht-chronologische Wiedergabe der Handlung oder einen unzuverlässigen Erzähler überhaupt beschreiben.

5. Wirklichkeit lässt sich nicht abbilden

literaturtheorien - derrida

Die vielleicht komplexeste Theorie in dieser Aufzählung kommt wieder mal von einem Franzosen: von Jaques Derrida und seinem Hauptwerk „La Grammatologie“.

David Foster Wallace sagte, man dürfe sich nicht als ernsthaften Schriftsteller betrachten, wenn man die „Grammatologie“ nicht gelesen hätte.

Was hat er damit gemeint?

Die zentrale Idee:

Das Kunstwort Grammatologie bezeichnet eine Wissenschaft der Schrift. Unter den vielen faszinierenden Ideen des Buchs dürfte Wallace mit seiner Aussage aber vor allem auf die semiotische Grundlage Derridas abgezielt haben: seinen Zeichenbegriff.

Vor ihm vertrat die Sprachwissenschaft die Ansicht, es gebe ein Ding (Signifikat), auf das ein Zeichen (Signifikant) referiere – und so Bedeutung erhalte.

Derrida kappt die Referenz von Zeichen auf vermeintlich echte Dinge, indem sich die Bedeutung von Signifikanten bei ihm durch ein System von Signifikaten ergibt.

Das klingt kompliziert, lässt sich vereinfacht aber ausdrücken als: Sprache referiert nicht auf „wirkliche“ Dinge, sondern nur wieder auf Sprache.

Dadurch wird auch Literatur zu einem endlosen Spiel von Verweisen. Man kann das pessimistisch sehen, und jede Interpretation als zum Scheitern verurteilt betrachten. Oder man wendet das Diktum positiv und erklärt damit die nicht enden wollende Diskussion und Deutung von Literatur.

Das waren meiner Meinung nach die fünf wichtigsten Literaturtheorien. Wer sie kennt und stets im Hinterkopf behält, wird spannendere Ideen aus seiner Lektüre hervorholen.

Du willst mehr Tipps wie diese_

Welche Theorie findet ihr am nützlichsten? Und welche Theorie fehlt in meiner Aufzählung für euch? Ich freu mich über Kommentare.

Zitate aus: Till Raether: Treibland. Rowohlt, 2014. // Michael Maar: Solus rex. Die schöne böse Welt des Vladimir Nabokov. Berlin Verlag, 2007.

4 Gedanken zu „Wenn du diese 5 Literaturtheorien nicht kennst, bist du ein miserabler Romanleser“

  1. Das ist eine sehr gelungene Zusammenstellung, ist ja nicht einfach, diese Theorien auf den Punkt zu bringen. Theorien stehen für Autoren als Handlungsoptionen zwar im Raum, ich bevorzuge aber Bücher, denen nicht gleich die Anwendung von solchen Ideologien anzusehen ist. (Sind ja auch Tabus dann dabei.)
    Beispiele: Arno Schmidt, Dylan Thomas, John Fante etc.
    Danke, dein Artikel eignet sich gut als Lerngrundlage, habe erst heute dein tolles Blog entdeckt.
    Viele Grüße

    1. Danke für das Kompliment, freut mich sehr! Als Grundlage oder kleiner Einstieg war der Artikel gedacht. Was die eigentlichen Romane angeht, geht es mir wie dir.

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