Die Türkei und Europa: 8 Bücher, die du jetzt lesen solltest

Nazi-Vergleiche, eingesperrte Journalisten, schäumende Politiker: Selten dürfte die Türkei so unverständlich auf Europa gewirkt haben wie in den vergangenen Wochen. Hier sind 8 Bücher über die Türkei, die helfen, das Land zu verstehen.

Selten dürfte die Türkei so unverständlich auf Europa gewirkt haben wie in den vergangenen Wochen und Monaten. Journalisten sitzen dort noch immer im Gefängnis, der wirre Wüterich und Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan schimpft beinahe täglich über den vermeintlichen Faschismus in Europa – und in einem Referendum können die Türken am Sonntag darüber abstimmen, ob sie diesem Despoten noch mehr Macht geben wollen.

Was ist da eigentlich los in diesem Land, das sich jahrelang bemüht hat, Teil der Europäischen Union zu werden? Ist uns die Türkei wirklich so fremd, wie sie uns im Moment erscheint?

Bei aller Polemik der letzten Wochen – die Wahrheit ist: Wir werden uns auch nach diesem Sonntag um Verständnis bemühen müssen. Wie auch immer das Referendum ausgehen mag, die Türkei wird weiterhin nicht nur geographisch ein Nachbar Europas sein.

Jetzt kann jeder mit dem Dönermann seines Vertrauens den Dialog beginnen und versuchen, mehr über das Land und die Menschen zu erfahren. Oder man nutzt eines der schönsten Mittel, um die Welt mit fremden Augen zu sehen: die Literatur im Speziellen und Bücher im Allgemeinen.

Hier sind acht Bücher über die Türkei, die helfen, das Land zu verstehen.

1. Orhan Pamuk: „Istanbul“

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Viele Türken sind stolz auf ihr Land – und ihrem Präsidenten Erdogan dankbar dafür, das wieder fühlen zu können. Erdogan hat dafür gesorgt, dass es der türkischen Wirtschaft (vermeintlich) wieder bessergeht.

„Daß ich in Istanbul geboren wurde, das unter der Asche und den Trümmern eines zerfallenen Reiches arm und schwermütig vor sich hin altert und verblasst, empfinde ich manchmal als Pech“, schreibt der türkische Schriftsteller Orhan Pamuk in seinem autobiografischen Roman „Istanbul. Erinnerungen an eine Stadt“.

Pamuk ist einer der bekanntesten Schriftsteller der Türkei, Nobelpreisträger für Literatur – und ein magischer Erzähler.

Er skizziert die Melancholie, die über das Istanbul der vergangenen Jahrzehnte lag. Es geht nicht um aktuelle Entwicklungen. Aber um das Gefühl des Verfalls und dem Schwanken zwischen zwei Welten: dem Okzident und dem Orient. Wer den neuen Nationalstolz der Türken verstehen will, sollte dieses Buch lesen.

2. Deniz Yücel: „Kalter Frieden“

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Der „Welt“-Journalist Deniz sitzt bekanntlich in einem türkischen Gefängnis. In diesen 15 Seiten beschreibt er den Aufstieg Erdogans. Von einem Politiker, in den in Europa viele ihre Hoffnung steckten. Zum gefährlichen Machthaber, der er heute ist.

Erdogan bezeichnete die Demokratie einmal als Mittel, nicht als Ziel. „Nur als Straßenbahn würde Erdogan die Demokratie heute nicht mehr bezeichnen. Er hat erkannt, dass es keine bessere Legitimation als Wahlen gibt“, schreibt Yücel am Ende. Wer wissen will, wie es so weit kam, muss Yücel lesen.

Can Dündar: „Lebenslang für die Wahrheit“

Claude Truong-Ngoc / Wikimedia Commons - cc-by-sa-3.0
Claude Truong-Ngoc / Wikimedia Commons – cc-by-sa-3.0

Wo wir schon bei Journalisten sind: Auch dieses Buch gehört in diese Liste. Im November 2015 wird Can Dündar, Chefredakteur der regierungskritischen Tageszeitung „Cumhuriyet“, zusammen mit einem Kollegen verhaftet. Die türkische Staatsanwaltschaft wirft ihnen Spionage und Verrat von Staatsgeheimnissen vor.

In Untersuchungshaft schrieb Dündar dieses Buch. Seine Sprach ist klar, seine Worte kraftvoll. „Lebenslang für die Wahrheit“ ist nicht nur ein „wichtiges Dokument Zeitgeschichte“, wie es überall heißt.

Es ist ein beeindruckend persönliches Buch und ein wunderschöner Beweis für die Macht der Worte. Eines der schönsten Beispiele dafür:

Zu Beginn seiner Haft bringt ein Beamter Dündar ein Stück Papier vorbei. Für „Bedarfsanforderungen“. „Ohne es zu ahnen, hatte er (der Beamte, Anm.) mir eine Welt geschenkt. Papier und Stift. Jetzt hatte ich meine beiden alten Freunde wieder. Ich drehte den ‚Bedarfsanforderungsschein‘-Block um. Setzte mich vor die leeren Seiten. Und brachte meinen ersten Text zu Papier.“

4. Necla Kelek: Bittersüße Welt

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Wer die Türkei verstehen will, darf nicht in Istanbul stehen bleiben. Die deutsche Soziologin Necla Kelek ist in der türkischen Metropole geboren und in München aufgewachsen.

In ihrem Buch „Bittersüße Heimat“ berichtet sie aus dem Hinterland der Türkei: der Osten Anatoliens.

Im Gespräch mit dem Menschen dort lernt sie eine Wirklichkeit kennen, „die mit dem von der türkischen Regierung folkloristisch angepriesenen ‚bunten Vielfalt‘ nichts gemeint hat. Eher ist sie weit von den Standards entfernt, die wir den zivilen Demokratien Europas abverlangen.“

Es ist ein Land der „Import-Bräute“, Ehrenmorde und eingeschüchterter christlicher Gemeinden. Hier finden sich die vielleicht leidenschaftlichsten Unterstützer Erdogans:

„‚Jetzt sind wir dran‘, sagte mir der Bruder einer Abgeordneten, die der Partei Tayyip Erdogans angehört. ‚Wir‘, das sind im Wesentlichen die Millionen Menschen aus Anatolien, die sich an ihre Traditionen klammern und immer schon von den herrschenden Eliten der Osmanen wie der Kemalisten als rückständig verachtet und den archaischen Clans überlassen wurden.“

5. Sherko Fatah: „Im Grenzland“

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Vom Osten Anatoliens geht es weiter ins Niemandsland: das Grenzgebiet des Iraks, des Irans und der Türkei. In diesem verminten Gelände lässt der deutsche Autor (mit irakischen Wurzeln) Sherko Fatah seinen Debütroman „Im Grenzland“ spielen.

Er erzählt die Geschichte eines namenlosen Schmugglers, der zwischen den Ländern und den Minen schleicht. In Fatahs Prosa glänzt die Wirklichkeit so fremd, dass man als Leser nicht weiß, wo man sich befindet. Obendrauf die Geschichte von Geheimdiensten, Banditen und Bauern – und herauskommt ein fremdartiges (und anspruchsvolles) Leseerlebnis. Über eine Welt, die sonst nicht oft beschrieben wird.

6. Murat Uyurkulak: „Glut“

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Vom Niemandsland kommen wir nun in ein Land namens „Ominösien“. Dieser Name verrät es schon: „Glut“ vom türkischen Schriftsteller Murat Uyurkulak ist eine Satire – und was für eine böse und abgedrehte.

„Wenn Orhan Pamuk der Impressionist der türkischen Literatur ist, so ist Uyurkulak deren Graffitikünstler“, schrieb ein Rezensent über das Buch.

In Ominösien herrscht Bürgerkrieg. Muster gerät mit seinem Kumpel Dreizehn in die Hände der Rebellen. Als er schließlich freikommt, verlegt er ein Buch, in dem er die Marginalisierten ringsherum ihre Geschichten erzählen lässt.

„Glut“ ist eine Allegorie, wie unschwer zu erkennen ist. Eine äußert schräge. Sie zeigt die Türkei kurz vor der Apokalypse. Passend irgendwie vor diesem Sonntag.

Mehr zum Thema: Die Causa Sargnagel: Warum „Kronen“-Leser die Satire fürchten

7. Franz Werfel: „Die vierzig Tage des Musa Dagh“

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Es war eine der angespanntesten Phasen zwischen Deutschland und der Türkei im vergangenen Jahr: Als der Bundestag in einer Resolution den Völkermord an den Armeniern verurteilte, schäumte die türkische Regierung.

Noch immer ist der ersten Genozide im 20. Jahrhundert ein Tabuthema in der Türkei. Die Politiker der türkischen Republik, als rechtliche Nachfahren des Osmanischen Reiches, wollen dafür keine Verantwortung übernehmen. Wer in der Türkei über den Völkermord reden will, dem droht eine Strafe wegen Beleidigung der türkischen Nation.

Was ist damals passiert? Üm mehr über dieses historische Ereignis zu erfahren, kann man Dokumentationen oder den sehr sehenswerten Fatik-Akin-Film „The Cut“ anschauen. Oder Franz Werfel lesen.

In seinem Roman „Die vierzig Tage des Musa Dagh“ erzählt der österreichische Schriftsteller vom Schicksal einer armenischen Familie. Von der schleichenden Ausgrenzung. Und dem hoffnungslosen Widerstand auf dem Berg Musa Dagh.

Werfel war in den 1930er Jahren selbst in der Türkei und schockiert von den Berichten der Zeitzeugen. Er hat daraus einen kolossalen und akribischen historischen Roman gemacht.

8. Hannah Arendt: „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“

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Aus der demokratischen Straßenbahn ist Erdogan schon länger ausgestiegen. Wenn auch die Türkei noch keine Diktatur ist, so ist sie unter seiner Führung wohl doch auf dem Weg zu ihr.

Wie totalitäre System entstehen, untersuchte die Theoretikerin Hannah Arendt in ihrem Buch „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“. Darin untersucht sie den Stalinismus, den Nationalsozialismus und verwandte Herrschaftstypen.

Auch mit Blick auf die Türkei ist der Text spannend. Mit Bezug auf Leo Trotzki sagt Arendt, dass totalitäre Regime auch nach der Übernahme der Macht nicht einfach aufhören können, zu kämpfen. Der Kampf wird weitergehen.

Der gescheiterte Putsch und der Terror der PKK haben Erdogan dazu gedient, immer weiter Beamten zu entlassen, die Meinungsfreiheit einzuschränken – und sogar in Syrien einzumarschieren. Auch wenn er sein gewünschtes Präsidialsystem nach der Abstimmung am Sonntag einführen kann, wird dieser Kampf gegen Teile der eigenen Bevölkerung wohl weitergehen – und die Politik des Landes weiter von Europa abdriften.

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