5 Dinge, die ein guter Leser braucht

Für den Schriftsteller und obsessiven Vielleser Vladimir Nabokov braucht ein guter Leser vier Dinge: Vorstellungskraft, ein Gedächtnis, ein Wörterbuch und Kunstverständnis. Ich sage: Da fehlt noch eine wichtige Sache.

Lauschen wir mal einer Vorlesung über Literatur im Jahr 1953. Ein kleiner, rundlicher Mann hält sie. Er sieht ein bisschen aus wie Alfred Hitchcock.

Wenige Jahre später wird er berühmt sein. Mit unvergesslichen Romanen, die seinen Lesern zugleich eine Denkaufgabe stellen und ihnen die Luft zum Atmen rauben.

Der Mann heißt Vladimir Nabokov. Wenn ein Schriftsteller weiß, was es heißt, ein guter Leser zu sein, dann der obsessive Vielleser Nabokov.

Nabokovs Definition eines guten Lesers

Zu Beginn der Vorlesung fragt Nabokov seine Studenten nach einer Definition eines guten Lesers und präsentiert zehn mögliche Antworten:

    1. Der Leser sollte Mitglied eines Buchclubs sein.
    2. Der Leser sollte sich selbst mit dem Held oder der Heldin identifizieren.
    3. Der Leser sollte sich auf die sozial-ökonomischen Aspekte konzentrieren.
    4. Der Leser sollte eine Geschichte mit Action und Dialogen einer ohne dem vorziehen.
    5. Der Leser sollte die Verfilmung des Buchs gesehen haben.
    6. Der Leser sollte ein angehender Schriftsteller sein.
    7. Der Leser sollte Vorstellungskraft haben.
    8. Der Leser sollte ein gutes Gedächtnis besitzen.
    9. Der Leser sollte ein Wörterbuch haben.
    10. Der Leser sollte etwas Kunstverständnis besitzen.

Die Studenten streiten lange. Die richtige Lösung wählen sie nicht aus.

Der Meister Nabokov sagt: Vier von diesen zehn Dingen braucht ein guter Leser.

Es sind die vier letzt genannten Punkte:

  • Vorstellungskraft
  • ein funktionierendes Gedächtnis
  • ein Wörterbuch
  • und etwas Kunstverständnis

Warum gerade diese vier Dinge?

Einige der möglichen Antworten, die Nabokov vorgibt, sind offensichtlich Mist. Buchclub, Verfilmung, Möchtegern-Schriftsteller?

Aber auch seine vier ausgewählten Dinge scheinen abwegig zu sein. Wer zur Hölle liest jeden Text mit einem Wörterbuch?

Um zu verstehen, warum Nabokov gerade diese vier Dinge auswählt, müssen wir uns fragen, wie er liest – und warum er liest.

Dann wird nämlich auch klar: Eine Sache fehlt hier noch, die ein guter Leser braucht.

Wie liest Vladimir Nabokov einen Roman?

Die Antwort lautet mit einem Wort: genau. Und um genau zu lesen, fordert Nabokov, muss man wiederholt lesen.

Beim ersten Lesen wären wir zu sehr davon abgelenkt, um überhaupt die Buchstaben zu entziffern, meint er. Die literarische Kunst könnten wir da noch gar nicht schätzen. Erst beim wiederholten Lesen entfaltet sich das Buch in unserem Geist – in seiner ganzen raffinierten Anlage.

Erst wenn wir jedes Detail verstanden, jede Beschreibung uns vor Augen geführt, können wir das Buch genießen. Genauso, wie es sich sein Autor gewünscht hätte.

Diese Auffassung macht Nabokov zu einem besessen-pedantischen Leser. Er kritzeln nicht nur die Seiten mit Notizen voll. Sondern malt seinen Schülern Zeichnungen von Landschaften, Räumen oder Gegenständen an die Tafel. Damit sie sich alles ganz genau vorstellen können.

Vorstellungskraft braucht der gute Leser, weil es für Nabokov bei der Lektüre um die imaginäre Erfahrung der Geschichte und ihrer Welt geht.

Ein lückenloses Gedächtnis braucht es, damit der Leser all die Details der Geschichte und der Welt behält – und sie mit neuen Details auf späteren Seiten verknüpfen kann.

Ein Wörterbuch ist notwendig, weil der Leser jedes, aber auch wirklich jedes Wort verstehen muss. Es könnte entscheidend sein.

Und ein wenig Kunstverständnis ist nötig…

Aber halt. Was ist damit eigentlich gemeint? Und wie viel Kunstverständnis ist da jetzt genau notwendig

Die Illusionsmaschinen

Kunstverständnis heißt, das kunstvolle Gewebe der Fiktion verstehen – und wertschätzen zu können.

Dazu braucht es für den guten Leser eine besondere Einstellung, sagt Nabokov:

We ought to remain a little aloof and take pleasure in this aloofness while at the same time we keenly enjoy – passionately enjoy, enjoy with tears and shivers – the inner weave of a given masterpiece.

Wie ich schon gesagt habe: Nabokov möchte, dass der gute Leser sich auf die Geschichte einlässt.

Aber nicht komplett. Er soll sich immer noch fragen: Warum macht eine Geschichte so einen magischen Eindruck auf mich?

Für Nabokov ist jeder große Roman eine Illusionsmaschine. Der Text macht uns glauben, dass seine Geschichte echt wäre. Der gute Leser muss dieses Spiel durchschauen – und herausfinden, warum die Illusion so überzeugend wirkt.

Erst wenn wir das Netz der Illusionen durchschaut haben, haben wir das Kunstwerk richtig genossen, sagt Nabokov.

Aber hier kommen wir zu dem Problem seiner Definition. Nabokov war berüchtigt für seine Schimpftiraden über Kollegen wie Thomas Mann oder Fjodor Dostojewski.

Denen ginge es nicht um die Geschichte, sagt er, sondern um philosophische Ideen.

Aber sollte ein guter Leser nicht auch Interesse an den Themen eines Romans mitbringen?

Die fehlende Zutat eines guten Lesers

Das Problem ist: Nabokov liest mit einer Agenda. Er will die Texte sezieren und verstehen, wie sie funktionieren. Weil er Schriftsteller ist. Und genauso brillante Illusionsmaschinen verfassen möchte.

Aber nicht jeder muss so lesen. Man kann auch Thomas Manns „Buddenbrooks“ lesen, weil man (unter anderem) etwas über die protestantische Ethik erfahren möchte.

Ein guter Leser braucht daher noch etwas zusätzliches, sage ich: Selbstkenntnis. Er muss wissen, was ihn interessiert. Dann kann er mit Eifer die richtigen Bücher durchwühlen – und erhält einfach mehr aus seiner Lektüre.

Der gute Leser liest für sich selbst. Er hat seine eigene Agenda, so wie Nabokov seine eigene Agenda hat.

Oder wie der Literaturkritiker Harold Bloom ausdrückte:

Wie man liest, gut oder schlecht, und was, kann nicht völlig von den eigenen Interessen abhängen, aber der Grund des Lesens muss von den eigenen Interessen veranlasst und auf sie ausgerichtet sein.

Nur dann ist man motiviert. Und nur ein motivierter Leser kann ein guter Leser sein, oder?

Warum lest ihr?

Nabokovs vier Dinge eines guten Lesers sind ein wichtiger Ausgangspunkt. Sein Wahn mit Details führt aber etwas zu weit. Nicht jedes Stilmittel muss angestrichen und nicht jedes Sofa mit Löwenmuster skizziert werden.

Aber zuletzt sind Vorstellungskraft, das Gedächtnis, ein Wörterbuch und etwas Kunstverstand nur gute Werkzeuge. Warum man liest, muss jeder für sich selbst herausfinden.

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Zitate: Nabokov, Vladimir: Lectures On Literature. Harvest, San Diego, S. 4. / Bloom, Harold: Die Kunst der Lektüre. Bertelsmann, München, S. 15.

Bilder: Nabokov, Lectures On Literature, S. 8 und S. 257.

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