Muss ein Künstler leiden, um große Kunst zu schaffen?

Es ist ein Gemeinplatz der Popkultur: Künstler müssen leiden, um große Kunst zu schaffen. Aber stimmt diese Theorie wirklich? Zwei Lebensgeschichten, zwei Antworten.

Die Hypothese scheint ein popkulturelles Faktum zu sein: Künstler müssen leiden, um große Kunst zu schaffen. Van Gogh schnitt sich ein Ohr ab und malte Meisterwerke. Dass Kafka auch mal gelacht hat, kann man sich kaum vorstellen. Und dass der taube Beethoven in seinem Leben noch viel Freude verspürte, als er sich mit acht Tönen ins kollektive Gedächtnis der Welt eingrub, scheint doch sehr unwahrscheinlich zu sein.

Aber stimmt diese Theorie wirklich? Muss ein Künstler sein Leben in den dunkelsten Farben erleben, um in seiner Kunst glänzen zu können?

Ein Leben zwischen Sucht und Depression

müssen künstler leiden

Auf einen Schriftsteller mag diese Behauptung zutreffen. David Foster Wallace litt seit seiner Jugend an Depressionen. Er hat die Depression und das Leiden an der modernen Welt zum Hauptthema seines größten Romans Infinite Jest gemacht. Die Krankheit kostete ihm am Ende das Leben, 2008 beging er Suizid.

Wallaces Lebensgeschichte besitzt einen Wendepunkt, der veranschaulicht, wie eine Leidenszeit die Inspiration für ein großes Kunstwerk abgeben kann.

1989 war Wallace, gerade einmal 27 Jahre alt, ganz unten angekommen. Im September hatte er begonnen, in Harvard in Philosophie zu promovieren. Zu dem Zeitpunkt war er allerdings schon alkoholabhängig. Der Alkohol und das Gras hatten seine Aufmerksamkeit zerschossen, sodass er das verlangte Lesepensum nicht mehr leisten konnte. Im Oktober sagte er dem Gesundheitsdienst der Universität, er denke daran, sich etwas anzutun – und wurde in eine psychiatrische Klinik eingewiesen.

Es war höchste Zeit gewesen. Die Ärzte bescheinigten ihm, dass er seinen 30. Geburtstag nicht mehr erleben würde, sollte er seine Sucht nicht besiegen.

Im November verfrachteten die Ärzte Wallace in ein Rehabilationszentrum. „It is a grim place, and I am grimly resolved to go there“, schrieb Wallace an seine Agentin über die Einrichtung, das Granada House.

Im Rehab lernte Wallace Demut

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In Granada House fand sich Wallace auf unbekanntem Gelände wieder. Der Sohn zweier Akademiker wohnte nun Tür an Tür mit ehemaligen Dealern, Kleinkriminellen und sonstigen Menschen eines Milieus, das ihm sonst fremd gewesen wäre.

Nur zwei Gemeinsamkeiten verbanden ihn mit den anderen: die Sucht und das Unglück, das sie mit sich brachte.

Und so musste Wallace sein bisheriges Leben überdenken. Seine Intelligenz und all seine Bildung hatten nicht verhindert, dass er jetzt täglich in einem Stuhlkreis mit anderen Süchtigen saß und darüber redete, warum er nicht mit dem Trinken aufhören konnte.

Die Zeit in Granada House wurde zu einem Wendepunkt in seinem Leben und in seinem literarischen Schaffen, wie Wallace Biograph D.T. Max resümiert:

He came to understand that the key this time was modesty. „My best thinking got me here“ was a recovery adage that hit home, or, as he translated it in Infinite Jest, „logical validity is not guarantee of truth.“ He knew it was imperative to abandon the sense of himself as the smartest person in the room, a person too smart to be like one of the people in the room, because he was one of the people in the room.

Die Demut sollte zu Wallace größter Tugend werden, als er sich an sein Hauptwerk Infinite Jest machte.

Ein leidendes Genie wird zum sühnenden Dichter

Tatsächlich war Wallace nicht einfach nur schlau – das richtige Wort wäre brillant, um seine intellektuellen Fähigkeiten zu beschreiben. In seiner Bachelorarbeit etwa attackierte Wallace einen Essay des angesehenen Philosophen Richard Taylor in überzeugender Weise. Nicht viele Studenten hätten wohl den Mumm und den Grips, zu versuchen, eine Koryphäe ihre Fachs zu widerlegen.

Seinen Abschluss in Englisch bestritt Wallace dann gar mit einer Arbeit, die später sein erster Roman werden sollte. Unter dem Titel The Broom In The System ist sie jetzt bekannt und erhältlich.

Aber sein erster Geniestreich zeigt auch, wo der Cleverness Grenzen im künstlerischen Schaffen gesetzt sind. In der Literatur zählt eben nicht nur der Kopf, sondern auch das Herz.

Die Hauptfigur in The Broom In The System, Lenore Beadsman, befürchtet, dass sie gar nicht existiert:

She simply felt – at times, mind you, not all the time, but at sharp and distinct intuitive moments – as if she had no real existence, except for what she said and did and perceived and et cetera, and that these were, it seemed at such times, not really under her control.

Dieses philosophische Motiv hat Wallace aus Wittgensteins Traktatus entnommen. Versetzt ist der Roman außerdem mit Parodien auf Kafka oder Pynchon. Wallace erhielt dafür von seinen Professoren die Bestnote.

Später sollte Wallace sich für sein Erstlingswerk schämen. Er habe einfach nur versucht zu beeindrucken – und nicht, eine Geschichte zu erzählen, sagte er dann.

Für sein nächstes Projekt entschied sich Wallace für eine neue Richtung, wie er einer Freundin schrieb:

I’d remembered the old stuff [frühere Manuskripte], a couple years old, as being just awful, but it turns out it isn’t; it just doesn’t go much of anywhere and is way too concerned with presenting itself as witty arty writing instead of effecting any kind of emotional communication with people. I feel like I have changed, learned so much about what good writing ought to be.

In Infinite Jest, das Wallace ab 1991 anfing zu schreiben, schlägt er tatsächlich neue Töne an. Er beschrieb nicht mehr die vergeistigten Probleme von Akademikern, sondern sehr viel realere Ängste und Nöte, von sehr viel authentischeren Personen.

In dem Roman hat Wallace seinen Aufenthalt im Rehabilationszentrum und seine Kindheit als Tennisstar (ja, auch im Sport war er ein großes Talent) fiktionalisiert. Durch das gigantische Werk ziehen sich immer noch satirische Nachahmungen und philosophische, logische und manchmal mathematische Reflektionen – oben drauf kommt das enzyklopädische Vokabular und ein kruder Spionage-Plot, der schwer verständlich ist.

Aber das Buch ist vor allen von neuen Stimmen geprägt. Von den Charakteren im Rehab, die erzählen, wie die Sucht ihr Leben zerstört hat. Eine Frau schildert beispielsweise, wie sie ihr totgeborenes Baby tagelang mit sich rumschleppte, weil sie nicht zugeben wollte, dass es tot war.

Solche Geschichten nutzt Wallace nicht, um zu moralisieren. Er schafft damit vielmehr eine emotionale Verbindung zum Leser. Er steht sich selbst mit seiner Cleverness nicht mehr im Weg, sondern erzählt nach seinen dunkelsten Zeiten von den Abgründen der Menschen und von einer möglichen Erlösung.

Er wurde vom schriftstellerischen Philosophen zum philosophischen Schriftsteller, könnte man sagen. Und auch wenn das nur nach einer Nuance klingt, so wird jedem Leser deutlich, was die Verschiebung bedeutet, wenn er die früheren Texten Wallaces mit den späteren nach dem Entzug vergleicht. Die emotionale Wucht von Infinite Jest zieht einem schlicht den Boden unter den Füßen weg. Im Frühwerk fehlen solche Passagen.

Für Wallace war der Entzug nicht nur die für ihn persönlich schwierigste Zeit. Sie hat ihm neue Themen geliefert und Demut gelehrt – und ihm so zu einem anderen, emotionaleren Schriftsteller gemacht. Zu einem besseren Schriftsteller, kann man sagen.

Macht das Leiden also jeden Künstler besser, weil er sich im Leiden mit den Mitmenschen verbunden fühlt?

Ich muss noch eine weitere Lebensgeschichte erzählen. Sie widerspricht dieser These.

Der Krebs und der Erfolg

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Auf Wolfgang Herrndorf wurde eine breite Leserschaft durch seinen Jugendroman Tschick 2011 aufmerksam. Er hielt verschiedene Preise, mit seinem nächsten Roman Sand schaffte er es sogar auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises.

Der Erfolg kam für den Schriftsteller, nachdem er eine niederschmetternde Krebsdiagnose erhalten hatte. Maximal eineinhalb Jahre erhofft er sich nach der Diagnose 2010.

Herrndorf hielt durch, erlebte noch eineinhalb Jahre mehr. Von Tschick wurde eine Ausgabe um die nächste ausverkauft.  Jahrelang hatte Herrndorf von Doseneintöpfen gelebt, jetzt verdiente er so viel Geld, dass er nicht wusste, was er damit eigentlich machen sollte. Eine neue Wohnung leistete er sich schließlich. Statt Blick auf einen Hinterhof genoss er jetzt die Aussicht von der Dachterrasse.

Sein Gesundheitszustand aber verschlechterte sich. Um die Kontrolle über sein Leben zu behalten und der Krankheit zuvor zu kommen, beging Herrndorf im August 2013 Selbstmord. In den Wochen zuvor hatte er sich beklagt, dass er sich nicht mehr ausdrücken könne. Die Worte schienen immer durcheinander zu geraten.

Hat sich die Krebserkrankung in seinem Werk abgezeichnet?

Die Ideen für seine beiden Romane, die nach der Diagnose erschienen sind, hatte Herrndorf schon zuvor. Das lebensfrohe Tschick und das düstere Sand sind also keine Inspirationen seines Leidens, wie man denken könnte.

Wegen der Erkrankung überlegte Herrndorf sogar, einige Teile des Manuskripts von Tschick zu streichen, wie er 2010 auf seinem Blog schrieb:

Der Jugendroman, den ich vor sechs Jahren auf Halde schrieb und an dem ich jetzt arbeite, ist voll mit Gedanken über den Tod. Der jugendliche Erzähler denkt andauernd darüber nach, ob es einen Unterschied macht, „ob man in 60 Jahren stirbt oder in 60 Sekunden“ usw. Wenn ich das drinlasse, denken alle, ich hätte es nachher reingeschrieben. Aber soll ich es deshalb streichen?

Thematisch hat die Krankheit sich nicht auf Herrndorfs Schaffen ausgewirkt. Aber sie blieb nicht ohne Wirkung auf sein Schreiben.

Der Krebs hat Herrndorf nicht zu einem besseren Schriftsteller gemacht, sondern zu einem produktiveren. Jahrelang habe er an mehreren Projekten wie eben Tschick oder Sand fruchtlos herumgeschrieben, teilte Herrndorf auf seinem Blog mit.

Nach der Diagnose setzte er sich daher nur ein Ziel: Ein Buch schreibe ich noch. Und weil die Arbeit ihm Rhythmus und Struktur gab, schrieb er nach Tschick auch noch einen weiteren Roman fertig.

Mit diesem existentiellen Zeitdruck musste sich Herrndorf auch von seinen Selbstzweifeln verabschieden, die ihn bisher davon abhielten, mehr zu veröffentlichen. Eine Freundin Herrndorfs, die Autorin Kathrin Passig, sagte in einer Rede zu einer Preisverleihung Herrndorfs einmal, alle Künstler hätten Selbstzweifel, aber Herrndorf habe ein wirklich ausgeprägtes Selbstzweifelproblem.

Man möchte gerne sagen, dass Herrndorf die Welt nach der Diagnose in helleren Farben gesehen hätte und die empfundene Schönheit der Natur oder des Lebens in seinen Texten abbildete. Wie beispielsweise in seinem letzten Roman, der unvollendet blieb, Bilder deiner großen Liebe:

Die Wärme des Tages ist im Gras. Ich liege auf dem Rücken. Weiß umrandete Wolken ziehen vor dem Mond vorbei. Ich stelle mir vor, jemand sieht mich von oben, aber niemand sieht mich. Dabei liege ich so malerisch. Das glaube ich, und ich fühle mich so wohl und so tot und wie ein aufgestauter Fluss, über den in der Nacht immer wieder einmal der Wind geht.

müssen künstler leiden

Aber Herrndorf beherrschte sein Handwerk auch schon zuvor. Wie in seiner zweiten Veröffentlichung vor der Diagnose, dem Erzählband Diesseits des Van-Allen-Gürtels:

Mehrere Stunden lang lag ich wach und unbeweglich unter dem wandernden Licht und spürte ein Gefühl, das ich so noch nicht kannte, das sonderbare Gefühl, als wäre ich auf einmal sehr bestimmt und klar umrissen und deutlicher von meiner Umgebung verschieden als sonst, als bei Tag. Als würde auf jeden Quadratzentimeter meiner Haut ein präziser hydraulischer Druck ausgeübt, der meinen Körper in genau die Form presste, die die Natur ursprünglich für ihn vorgesehen hatte, ein unendliches Glücksgefühl, verdammt zur Bewegungslosigkeit für die nächsten Stunden, für die Nacht, für die nächsten fünf Milliarden Jahre, unter meinem Fenster, unter dem grünen Himmel, unter dem Mond, in einem sonderbar unverständlichen Universum wie diesem.

Das Handwerk des Schreibens besteht zum größten Teil eben aus Übung. Eine Krankheit ändert nichts an dieser Tatsache. Sie steht der Ausübung des Handwerks eher im Weg: Während seiner Zeit in der Entzugsklinik schrieb Wallace etwa gar nicht. Erst nach einiger Zeit traute er sich wieder, Worte aufs Papier zu setzen. Und auch Herrndorf fiel das Schreiben mit Fortschreiten der Krankheit zunehmender schwerer. Seine Tage waren geprägt von Epilepsie- und Angstanfällen, nicht von produktiver Arbeitszeit.

Große Kunst nicht durch, sondern trotz Leid

Wenn eine Leidenszeit also irgendetwas für Künstler bewirkt, ist es, dass schöpferische Kräfte freigesetzt werden. Das Leiden durchbricht selbst auferlegte Beschränkungen, die dem bisherigen Schaffen im Weg gestanden waren.

Wallace hörte auf, clever zu schreiben und begann sich zu trauen, auf eine emotionale Verbindung zu seinem Leser zu setzen. Herrndorf verabschiedete sich von seinem Perfektionismus, der sein Schreiben behinderte

Dass Leiden große Kunst bewirkt, stimmt also nicht in jedem Fall und wenn dann nur mit Einschränkungen. Talent und Fleiß braucht der Künstler schon zuvor, dass Leiden kann seinen Blick dann schärfen oder seine Arbeit fokussieren.

Man würde Krankheiten und dunkle Zeiten glorifizieren, wenn man zwischen Leiden und Kunst einen kausalen Zusammenhang behaupten möchte. Wer weiß, wie viele Künstler nie etwas produzierten, weil ihr Elend zu groß war oder weil sie zu früh gestorben sind.

Jeff Tweedy, Sänger der US-amerikanischen Band Wilco, sagte in einem Interview einmal treffend: Große Kunst entsteht nicht aus Leid, sondern trotz des Leids.

 

Quellen: D.T. Max: Every Love Story Is A Ghost Story. A Life Of David Foster Wallace. Granta, 2012, Wolfgang Herrndorf: Bilder deiner großen Liebe. Rowohlt, 2014. Ders.: Diesseits des Van-Allen-Gürtels. Rowohlt, 2012.

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