Raus aus der Wohlfühl-Blase: Die Andere Bücherliste

Alle reden von der Filterblase. Dass Menschen nur noch ihre eigene Sicht der Welt bestätigt sehen wollen. Gehört es nicht gerade zur Aufgabe der Literatur, uns die Welt mit fremden Augen zu zeigen? Der Vorschlag einer Bücherliste, um aus der Blase des Immergleichen auszubrechen.

In den letzten Wochen, seit die Menschen in den USA Donald Trump zum Präsidenten gewählt haben, geistert ein Begriff durch die Medien: die Filterblase.

Gemeint ist damit, dass wir durch die Algorithmen der sozialen Medien oder auch durch das bias unserer Gesinnung nur das lesen und hören, was wir lesen und hören wollen. Wie in einer Blase umgeben wir uns mit ähnlichen Meinungen und vergessen, dass dahinter Menschen existieren, die ganz anders denken.

Gehört es nicht zur ursprünglichen Erfahrung der Literatur, uns die Welt mit fremden Augen zu zeigen? Kann die Literatur also aus dieser Blase des Immergleichen ausbrechen? Und wie würde eine Bücherliste aussehen, die das schafft?

Der Mythos der Filterblase

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Zunächst: Ich mag den Begriff der Filterblase nicht. Zum einen suggeriert er, dass das etwas Neues sei – während Menschen schon immer mit Gleichgesinnten zusammengesessen sind und das andere Lager darüber aus den Augen verloren haben. Das schreibt auch die „Süddeutsche Zeitung“ in einem Artikel über den „Mythos der Filterblase“.

Damit wären wir beim zweiten Problem mit der Filterblase: Der Begriff wird ausschließlich im Zusammenhang mit den sozialen Medien genannt. Wie als wäre es ein technologisches Problem. Wie als hätte Facebook Trump zum Präsidenten gemacht und nicht die Millionen von US-Amerikanern, die ihn gewählt haben.

Die Filterblase ist „kein technisches, sondern ein anthropologisches Problem“, schreibt dann auch die „Neue Zürcher Zeitung“. Soll heißen: Unsere Erfahrung der Welt ist immer subjektiv. Aus den unzähligen Phänomenen wählen wir – nicht der Algorithmus – diejenigen aus, die unsere Sicht der Welt bestätigen.

Aus diesem Grund habe ich den Artikel mit einem anderen Begriff überschrieben: der Wohlfühl-Blase. Wir wollen uns bestätigt fühlen. Dem Schock einer Fremdheitserfahrung kommen wir zuvor, indem wir Elemente im Vornherein ausblenden, die uns verstören könnten.

Die alten, weißen Männer im Bücherregal

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Dabei gibt es einen einfachen Weg, aus der Wohlfühl-Blase auszubrechen: die Literatur. Die Fremdheitserfahrung kann eine der ursprünglichsten Erfahrungen beim Lesen sein. Hier habe ich die Chance in den Kopf eines Menschen zu schlüpfen, der ganz anders tickt und lebt als ich selbst.

Nutze ich diese Chance? Als ich nach dem US-Wahlkampf immer wieder von den alten, weißen Männern las, die jetzt in Washington das Land regieren werden, hatte ich einen kleinen, privaten Schock-Moment: Auch in meinem Bücherregal regieren die alten, weißen Männer.

Aus dem Stand heraus konnte ich nicht eine Autorin nennen, von der ich einen Roman besäße. Kurz um: ein Armutszeugnis. Bin ich also gar nicht so weltoffen, wie ich immer denke?

Eine Antwort auf die Frage lasse ich mal aus. Aber zum Glück lässt sich das ja ändern mit dem Bücherregal. Mir kam die Idee zu dieser „Raus aus der Wohlfühl-Blase“-Bücherliste. Einer Liste, die mich mit dem Anderen konfrontiert. Sprich: Eine Liste, die mich mit Perspektiven von Menschen verbindet, die nicht meine Lebenserfahrung im wohlbehüteten Europa teilen.

Die Kriterienliste der Bücherliste also: Keine Europäer, weniger männliche als weibliche Autoren – und erst recht keine weißen, männlichen Mitte-Zwanzig-Typen, die irgendwas mit Medien machen und Probleme mit ihrer Freundin haben (davon habe ich eindeutig zu viel gelesen), heißt: keine Pop-Literatur, auch keine ausländische.

Das gibt mir die Chance, endlich mal all die Bücher zu lesen, die ich immer schon lesen wollte, aber für die wiederholte Nabokov-Lektüre aufgeschoben habe.

Die „Raus aus der Wohlfühl-Blase“-Lektüreliste

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Bisher sind mir eingefallen: „Sozaboy“ des nigerianischen Schriftstellers Ken Saro-Wiwa. Ein Roman aus der Sicht eines Kindersoldaten, mit einem sehr eigentümlichen Englisch (sein Untertitel deshalb auch: „A Novel in Rotten English“).

„Beloved“ der afroamerikanischen Schriftstellerin Toni Morrison. Ein Roman über eine schwarze Sklavin auf der Flucht nach dem US-amerikanischen Bürgerkrieg.

„Die Frauen von Algier“ der algerischen Schriftstellerin Assia Djebar. Eigentlich auf Französisch geschrieben („Femmes d’Alger dans leurs appartement“), aber es im Original zu Lesen würde mich nur frustrieren, daher die Übersetzung. Ein Erzählband über den Alltag algerischer Frauen.

Zuletzt noch: „Kolorateur“ des chinesischen Schriftstellers Er Li. Die Geschichte eines Volkshelden aus der Zeit des chinesisch-japanischen Krieges, erzählt aus drei Perspektiven. In der „Zeit“ hieß es über den Roman: „Er enthält für westliche Leser wie die meisten anspruchsvollen chinesischen Gegenwartsromane enorm hohe Einstiegshindernisse.“ Und genau deshalb will ich ihn lesen.

Gleichstand beim Mann:Frau-Verhältnis. Da hat mein bias wohl wieder zugeschlagen. Sollte mir „Kolorateur“ nicht zusagen, wäre die Alternative: „Gefahr und Begierde“ von Eileen Chang.

Was ich außerdem gerne noch lesen würde, wäre eine Geschichte aus der Sicht eines Reaktionären, eines Konservativen oder eines Rassisten. Wenn jemand hier gute Bücher kennt, schreibt mir.

Jetzt seid ihr gefragt

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Diese Bücherliste muss aber nicht nur meine sein, sie kann auch die eure werden. Meine Idee wäre, dass ein paar von euch, die diese Zeilen lesen, sich die Bücher auch anschaffen und zusammen mit mir lesen. Das würde mir ziemlich gefallen.

Vielleicht geht es euch ja ähnlich, und ihr lest immer die gleichen, eurozentrischen Bücher. Oder vielleicht seid ihr einfach nur auf eines der Bücher gespannt, das ich oben vorgestellt habe.

Ich werde nach einiger Zeit eine Rezension oder einen Artikel zu jedem Buch schreiben. Da will ich dann auch ein wenig die Theorie erklären, mit der der jeweilige Text in der Literaturwissenschaft besprochen wird (Postkoloniale Theorie, Gender-Theorie, etc). Aber natürlich werde ich auch auf interessante erzähltheoretische Aspekte in den Texten eingehen.

Den Anfang wird „Sozaboay“ machen. Den Roman werde ich voraussichtlich in zwei Wochen besprechen (hoffentlich, solche Vorhersagen haben bei mir die Angewohnheit, nie eingehalten zu werden). Wirklich schön wäre es, wenn dann in den Kommentaren eine Diskussion entstehen könnte. Wenn ihr den Roman auch gelesen habt und wir über die Kommentar-Funktion ins Gespräch kommen können.

Meine Tipps zum Lesen: 5 Gründe, warum ich alles vergesse, was ich lese – und was ich dagegen mache

Was mich fast noch mehr freuen würde: Wenn jemand von euch eine Rezension schreibt. Die kann ich als Gastbeitrag gerne hier veröffentlichen.

Ein Hinweis: Bitte in Englisch lesen, ich kenne die Übersetzung nicht, kann mir aber nicht vorstellen, dass das „rotten english“ sich gut übertragen lässt.

Und noch ein Hinweis: So bitte nicht lesen

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Eine Gefahr besteht bei dieser Lektüreliste. Dass sie nur dafür sorgt, mein schlechtes Gewissen zu beruhigen und mich in meinen Vorstellungen von mir selbst (andere würden sagen: in meinem Gutmenschentum. Wie ich das Wort hasse) zu bestätigen. Darum gilt: Ich werde auf der Hut sein, nicht identifikatorisch zu lesen. Sondern ich werde nach den Momenten Ausschau halten, an denen mir der Text fremd wird. Es geht nicht um gemeinsame Nenner in der Erfahrung, sondern um Brüche.

Wie ihr merkt, ist das Ganze ein Experiment. Ich habe keine Ahnung, was bei „Sozaboy“ für mich herauskommen wird. Ehrlich gesagt, bin ich ein wenig aufgeregt 😉

Was haltet ihr von einer solchen Liste? Gibt es Bücher, die auf meiner Liste fehlen, aber die ich unbedingt lesen sollte? Werdet ihr „Sozaboy“ mit mir lesen?

Ich freue mich auf eure Reaktionen. Liebe Grüße.

8 Gedanken zu „Raus aus der Wohlfühl-Blase: Die Andere Bücherliste“

  1. Gutes Vorhaben. Es wird sicher sehr schwierig, distanziert zu lesen. Entweder verfällt man in seine soziologisch konditionierte Haltung oder man versetzt sich gänzlich in die diametrale Verständnis-Perspektive, da man ja schon in der Vorauswahl entscheidet, dass es ein konträres Buch sein soll. Noch schlimmer ist das leider bei Sachbüchern, wo die Weltanschauung des Autors bzw. der Autorin zumeist ja der Impetus war, dieses Buch zu schreiben. Aber ich gebe gerne ein Empfehlung aus diesem Genre, von der ich inhaltlich sehr überzeugt bin, obwohl ich den Autor weltanschaulich als versnobt und elitär bezeichne: Gustave Le Bon, der „Vater der Massenpsychologie“. Ihn zu lesen und substanziell zu widerlegen ist auch heute noch eine Herausforderung, an der ich gescheitert bin ;-): https://thomasbrasch.wordpress.com/2014/03/11/opportunisten-aller-lander-vereinigt-euch/

    1. Danke. Du hast sicher recht, dass das Vorhaben schwierig umzusetzen ist. Weil man sich selbst in eine Situation begibt, statt von ihr überrumpelt zu werden, schwingt da eine Voreingenommenheit mit. Deswegen war es mir wichtig zu sagen: Nicht einfühlend lesen, sondern wachsam. Auf die Momente achten, wo der Text Distanz schafft (um dann untersuchen zu können, warum das so ist).
      Bei Sachbüchern ist das noch einmal eine andere Geschichte, finde ich. Deshalb habe ich das ausgeklammert. Da versucht man immer den Autor zu widerlegen und sich abzugrenzen. In der Fiktion ist (schwer) möglich, man muss mitspielen 😉 (Interessant wird es wieder, wo Fiktion und Nicht-Fiktion ineinander übergeht, wie bei Célines Pamphleten. Da war ich sehr, sehr angeekelt.)
      Danke für deinen Kommentar und danke auch für den Tipp zu Le Bon.

    1. Das ist ja interessant. Ein Buch, das erst auf walisisch erschienen ist, dann von der Autorin ins Englische übersetzt worden ist – und dann von Englisch ins Deutsche 🙂 Manchmal muss man gar nicht aus Europa raus und ist sprachlich schon völlig aufgeschmissen 😉 Danke dir!

  2. Also Gefahr und Begierde wurde doch schon verfilmt von Ang Lee und es handelt sich um eine Kurzgeschichte. Die Idee finde ich sehr gut aber warum muss man die Bücher auf englisch lesen. Oder nur das eine. Wenn ich mir die vorherigen Kommentare anschaue, habe ich den Eindruck hier profilieren sich die Menschen. Kann mal als Normalo nicht auch ein Leser sein. Ich empfehle die Bücher von Yukio Mishima „Schnee im Frühling“ und „Unter dem Sturmgott“. Sie sind 40 Jahre alt aber sagen mir viel über Japan. Der Autor ist 1970 gestorben.

    1. Ich habe nicht gesagt, man muss „Sozaboy“ auf Englisch lesen. Das war nur eine Bitte. Ich habe jetzt auch nur das eine Buch ausgewählt, damit jeder dieselbe Basis hat und nicht zig Leute über zig Bücher reden 😉 Steht natürlich jedem frei zu lesen, was er will und in welcher Sprache. Und natürlich kann jeder Leser sein. Mir ist es völlig wurscht, welchen Bildungsgrad jemand hat und wie viele Fremdwörter er oder sie kennt.

      Danke für deine Empfehlungen.

  3. Sehr interessante Überlegung! Ich habe es während meiner letzten Deutsche Prüfung bespricht: jetzt hast du neue Lesern aus der Germanistische Linguistik Abteilung in Rom 😀
    Ich werde Sozaboy auch lesen, habe es schon bestellt. Und ich habe noch eine Empfehlung: Chika Unigwe. Sie ist ursprünglich aus Nigeria, wohnt aber in Belgien. Interessant ist, dass sie auf Englisch sowie auf Niederländisch schreibt. Ich habe ‚On black sister’s street‘ sehr gut gefunden. Es wurde zuerst auf Englisch geschrieben und danach ins Niederländisch übersetzt. Es bespricht Vorurteilen und Stereotypen. Also es wurde in Europa geschrieben, aber ich glaube es lohnt sich ein bisschen über die Erwartungen der literarische Kritik zu denken, oft würden sie von Migranten Autoren nur bestimmten Themen akzeptieren.

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